Plakat Aktion Rote Hand

Kindersoldaten – Täter und Opfer zugleich

(Matthias Koch, Freundeskreis Kindernothilfe Karlsruhe, April 2002)

Interview mit einem Kindersoldaten:
(aus dem Faltblatt zur Ausstellung "Kinder Haben Rechte" der Kondernothilfe e.V.)

Kindersodaten

"Hast Du getötet ?" – "Nein."
"Hattest Du eine Waffe ?" – "Ja."
"Hast Du mit der Waffe gezielt ?" – "Ja."
"Hast Du sie abgefeuert ?" – "Ja."
"Und was ist passiert" – "Sie sind einfach umgefallen."

In einer Sonderausgabe der Zeitschrift ‘Der Überblick‘ von ‘98 die von der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst herausgegeben wurde, kann man sehr detaillierte Informationen zum Thema Kindersoldaten finden. Ich möchte an dieser Stelle ein paar Grundinformationen liefern, um einen Überblick über dieses beklemmende Thema zu verschaffen.

Einige neuere Informationen und Zahlen, sowie eine Übersichtskarte finden Sie im Artikel über die "Aktion rote Hand" gegen den Mißbrauch von Kindern als Soldaten.

 

Wo gibt es Kindersoldaten ?

Die Liste der Länder in denen Kinder und Jugendliche als Soldaten bei Kampfhandlungen eingesetzt werden ist lang. Die folgende Liste hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und soll auch keine Wertung enthalten, in welchem Umfang der Einsatz erfolgt.
Kolumbien, Peru, Sierra Leone, Liberia, Algerien, Angola, Kongo (Brazzaville), Kongo (Demokratische Republik), Sudan, Ruanda, Burundi, Uganda, Israel, Irak, Iran, Somalia, Tadschikistan, Pakistan, Bangladesch, Burma, Kambodscha, Indonesien und Papua Neuguinea. Dazu kommen noch die Länder Mexico, Türkei, Libanon, Sri Lanka und die Philippinen, sowie die indischen Provinzen Kaschmir und Andra Pradesch, wo Kinder auf Seiten der Rebellen zum Einsatz kommen.
Beim zusammenstellen der Liste hat es mich besonders betroffen gemacht, daß ich mir von einer ganzen Reihe der Länder nicht einmal bewußt war, daß es dort überhaupt militärische Konflikte gibt. Von den meisten wird, wenn überhaupt, dann doch nur am Rande berichtet und man muß die Presse schon sehr genau verfolgen, um einen Überblick zu behalten.

 

Warum werden Kinder zu Soldaten ?

"Kinder haben mehr Stehvermögen, sie verstehen es besser, im Busch zu überleben, sie beklagen sich nicht und folgen den Befehlen."
"Aus Mosambik stammt die Beobachtung, daß Kinder Massaker mit mehr Enthusiasmus und mit größerer Brutalität verüben. Daß sie das zu tun haben, wird ihnen zuvor mit psychologischen Manipulationen, sadistischen Initiationsrieten und brutalem Druck eingetrichtert. Dabei sind oft Drogen im Spiel"
(Aus dem Artikel "Kanonenfutter und Killerkommandos" von Renate Wilke-Lauer, der Überblick 4/98)

Nicht in jedem Fall werden Kinder mit Gewalt in die Armeen und Widerstands-gruppen gepreßt. In einigen Konflikten werden die Kinder schon von klein auf mit Gewalt konfrontiert. Sie wachsen mit Steinen in der Hand auf, werden zu Haß auf den Gegner erzogen und werden fast zwangsläufig irgendwann eine Waffe in die Hand bekommen.
Auch soziale Not kann dazu führen, daß Kinder und Jugendliche sich freiwillig zur Armee melden. In einigen Ländern steht das Ansehen der Armee sicher höher im Kurs als wir uns das hier in Europa vorstellen mögen. Ein Mädchen aus aus Honduras berichtet: "Mit 13 Jahren habe ich mich der Studentenbewegung angeschlossen. Ich träumte davon, etwas dazu beizutragen, daß Dinge sich ändern, daß Kinder nicht mehr hungern müßten."
Darüber hinaus gibt es allerdings auch die Praktik, Kinder aus den Dörfern zu verschleppen, um Sie unter fortgesetzter Gewalt in die Milizen einzugliedern. Dabei werden auch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gemacht. Mädchen wie Jungen werden als Kanonenfutter eingesetzt und müssen schwere Lasten schleppen. Darüber hinaus müssen die Mädchen häufig das Kochen übernehmen und für die sexuelle Befriedigung der Männer herhalten.
Um Kinder zum Töten zu bewegen bedarf es keiner aufwendigen Ausbildung. Mit gezieltem Einsatz von Gewalt und restriktiven Mitteln wie Vorenthalten von Nahrungsmitteln und Schlafentzug lassen sie sich recht rasch gefügig machen. Die Unterversorgung treibt die Kinder dazu sich an Plünderung, Mord und Folter zu beteiligen.
"Wer einmal dabei ist, soll auch dabei bleiben. Um die Flucht zu verhindern, zwingen manche Kriegsparteien Kinder, Gewalt gegen Familienangehörige und Nachbarn auszuüben. Ist das Kind auf diese Weise >> stigmatisiert << , läuft es nicht so leicht nach Hause zurück"
(aus dem Artikel "Kanonenfutter und Killerkommandos" von Renate Wilke-Launer, der Überblick 4/98)

Was wird getan ?

Am 25.05.2000 haben die Vereinten Nationen ein Zusatzprotokoll der vereinten Nationen zur Kinderrechtskonvention verabschiedet, das die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren verbietet. Es wurde bereits von mehr als 75 Staaten ratifiziert.
Der neue Internationale Gerichtshof wird laut der Statuten von 1998 die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren als Kriegsverbrechen ahnden.
Im August 2000 hat der UN-Sicherheitsrat die Konfliktparteien in einer Resolution aufgefordert, "bei Friedensverhandlungen auch Regelungen zur Demobilisierung und Reintegration der Kindersoldaten zu vereinbaren."

 

Reintegration – aber wie ?

"Mary war 11 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder entführt wurde. Als dieser auf der Flucht vor dem Militär zu laut weinte, mußte Mary ihren Bruder mit einem großen Stein umbringen, sonst wäre sie selbst getötet worden. Jetzt ist sie befreit worden. Aber sie traut sich nicht nach Hause zurück, denn jeder hat dort vom Tod des Bruders erfahren."
(Text aus der Ausstellung "Kinder haben Rechte" der Kindernothilfe e.V.)

In diesem Zitat werden die Probleme deutlich, mit denen eine Reintegrations-maßnahme zu tun hat. Die Kinder sind durch ihre Taten traumatisiert und ‘stigmatisiert‘. Daher müssen die Betreuer auf mehren Ebenen parallel vorgehen. Zunächst müssen die Kinder ihre Erlebnisse aufarbeiten, lernen damit umzugehen. Gleichzeitig muß im Familiären und Gesellschaftlichen Umfeld der Boden bereitet werden, der eine Wiedereingliederung möglich macht. In Rehabilitationszentren werden die Kinder im Optimalfall aufgenommen und psychologisch betreut, während versucht wird Angehörige ausfindig zu machen und zu sondieren, wie eine Rückkehr möglich sein könnte. Doch in den meisten Staaten gibt es keinen Konzepte. Die Kinder, die noch vor kurzer Zeit für militärische Erfolge herhalten mußten, sind heute vergessen. In praktisch allen lateinamerikanischen Konflikten kamen und kommen Kindersoldaten zum Einsatz. Lediglich in Kolumbien gibt es von Staatlicher Seite erste Ansätze das Problem anzugehen, wobei einige mehr als zweifelhaft sind. So werden "minderjährige ehemalige Guerilleros in geschlossenen Anstalten gesperrt und mit Psychopharmaka ruhig gestellt."
(Aus dem Artikel "Vergessene Kinder" von Claudia Julieta Duque, der Überblick 4/98).

Es ist ein langer steiniger Weg. Das Mißtrauen der Dorfbewohner und der eigenen Familien führt zum Teil zu offener Ablehnung. Am verständlichsten wird es vielleicht wieder mit einem Zitat aus Sierra Leone:
"Wie können wir diese Rebellenmörder wieder in unsere Gemeinde aufnehmen, wenn wir sicher wissen, daß eben diese Rebellen, seien es nun Kinder oder Erwachsene, unsere Leute massakriert haben?"
(Aus dem Artikel "Im Teufelskreis von Gewalt und Rache" von Lansana Fofana, der Überblick 4/98)

 

Zum Abschluß

Man könnte noch seitenweise weiterschreiben, aber das würde jetzt zu weit führen. Jedem der mehr über das Thema Kindersoldaten erfahren möchte, dem kann ich nur wärmstens das häufig zitierte Sonderheft "der Überblick" ans Herz legen. Es ist über die Internetseite http://www.der-ueberblick.de zu beziehen. Wer sich intensiv für Entwicklungspolitik interessiert, dem sei auch das Abonnement emfohlen. Die aktuelle Ausgabe hat als Hauptthema Sklaverei. Darüber werde ich vielleicht bei nächster Gelegenheit ausführlich informieren.

Auch die Ausstellung "Kinder haben Rechte" der Kindernothilfe möchte ich an dieser Stelle empfehlen. Auf 28 Tafeln werden Artikel der Kinderrechtskonvention dargestellt und erklärt. Die Ausstellung aber auch Teile daraus, kann man bei der Kindernothilfe in Duisburg ordern. Wo man sie noch sehen kann, entnehmen Sie bitte der Terminübersicht auf der Seite www.kindernothilfe.de



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